Fachtage

Fachtag 2020: Lehren und Lernen durch Begegnung

20 Jahre Fachakademie für Heilpädagogik

Am 6. März 2020 fand unser Fachtag 2020 mit Jubiläumsfeier statt. Den diesjährigen Fachtag nahmen wir zum Anlass 20 Jahre Fachakademie für Heilpädagogik in Gut Häusern zu feiern. In all den Jahren haben viele Menschen sich in der Akademie Schönbrunn zum Heilpädagogen bzw. zur Heilpädagogin weitergebildet. Mit Beteiligten, Interessierten und jetzigen Studierenden hielten wir eine Rückschau und wendeten uns der Erfahrungsebene zu, was heilpädagogische Handlungskonzepte bieten können.

Wenn sich Menschen in Beeinträchtigungslagen befinden, stellt sich verstärkt die Frage wie es gelingen kann, das Leben sinnerfüllt, stimmig und ‚gut‘ zu meistern. Optimaler Weise bietet die Umwelt Unterstützung, Barrieren der Teilhabe zu mindern. Neben den sogen. Ressourcen der Umwelt sind auch personalen Ressourcen des jeweiligen Menschen und seiner Familie wichtig. 

Wie sind Aufgaben und Ziele der Heilpädagogik zu verwirklichen? Eine von vielen Antworten gab der Heilpädagoge Paul Moor als er Heilpädagogik als „Hilfe zur Lebenskunst“ beschrieb. Wir hatten diesen Fachtag das Motto „Lehren und Lernen durch Begegnung“ gegeben, weil wir denken, dass die Fachakademie der Akademie Schönbrunn immer auch ein Ort war und ist Lebenskunst zu realisieren: Habe Mut Dich zu bilden! Habe Mut Deinem Leben eine Gestalt zu geben! Habe Mut selbst Lebenskünstler zu sein und trotz Herausforderungen ein bejahendes zu Leben führen! 

Zu Beginn der Tagung gab der Erziehungswissenschaftler und Erwachsenenbildner Prof. Dr. Wolfgang Müller- Commichau einen Einblick in das Thema „Lebenskunst lehren und lernen durch bejahende Begegnungen“. Danach bestand die Möglichkeit in Erlebnisräumen sich auszuprobieren, bevor wir uns im Plenum dem Weg heilpädagogischer Ausbildung in Gut Häusern zuwandten. Abschließend klang der ausgesprochen gelungene Abend mit einem gemeinsamen Essen und vielen guten Gesprächen aus.

Impressionen zum Fachtag 20 Jahre Fachakademie für Heilpädagogik Schönbrunn

Fachtag 2019: Das Kind im Mittelpunkt?

Leitideen und heilpädagogische Wege der frühen Förderung

Kinder benötigen frühe Förderung und Frühförderung. Bei Entwicklungsgefährdungen unterstützt die Heilpädagogik das Kind und das Umfeld im Umgang mit vorhandenen Beeinträchtigungslagen. Der Fachtag 2019 gab einen Überblick zu aktuellen Leitideen und heilpädagogischen Wegen der frühen Förderung und war mit 150 Personen wieder gut besucht.

In der Heilpädagogik gehen wir davon aus, dass es zunächst gilt die jeweiligen Stärken des Kindes zu stärken und die Unterstützungssysteme zu aktivieren. Wir versuchen die Vereinzelung von Hilfen zu vermeiden und die Kooperation aller Beteiligten zu fördern. In einer sich heute für Kinder immer mehr verändernden Lebenswelt sind heilpädagogische Angebote je nach Ausgangslage durch vertiefte Beziehungsangebote, spezielle Methoden und die Beachtung der Eltern-Kind-Interaktion gekennzeichnet. 

Auf dem Fachtag wurden die vielfältigen Vorgehensweisen in Denkräumen und Workshops dargestellt und thematisiert. Wir beschäftigten uns mit aktuellen Tendenzen der frühen Förderung und diskutierten, wie es gelingen kann, dass das Kind im Mittelpunkt steht. 

Der Fachtag begann mit einer Einführung und einem Referat von Dr. Retzlaff. Hier wurde zunächst aus systemischer Sicht beschrieben, wie Beteiligte und vor allem die Familie mit einer Behinderung umgehen. Die Beeinträchtigung fordert heraus, konfrontiert mit Belastungen, kann aber auch Anlass sein, das Menschen ungeahnte Stärken entwickeln. Familienorientierte Beratungskonzepte müssen der Familie daher einen verstehenden Rahmen bieten, der ihnen hilft mit der Behinderung eines Kindes zurechtzukommen, sodass Resilienz und Gesundheit gefördert wird. Es gab wieder einen Büchertisch, Musik und leckeres Essen.

Fachtag 2018: In Beziehung gehen

Pädagogische Beziehungen in der Heilpädagogik

Bei jeder pädagogischen Vorgehensweise ist die Art der Beziehung wichtig. Der Fachtag begann mit einer Einführung und einem Referat von Prof. Dr. Petr Ondracek. Er erinnerte zunächst, dass sich pädagogische Beziehungen nach dem Menschenbild von Professionellen gestalten. Voraussetzung sei immer die innere Stabilität des heilpädagogisch Tätigen, die als „äußerer Halt“ dem zu unterstützenden Menschen zur Herausbildung seines „inneren Haltes“ verhilft. Prof. Dr. Ondracek beschrieb personzentrierte Arbeitsweisen und Selbstwert- sowie Ermutigungskonzepte als Grundlage der Arbeit mit Menschen in Beeinträchtigungslagen.

Die Qualität pädagogischer Beziehungen fördert Anerkennung, Ermutigung, aber auch Verletzung

Die Heilpädagogik versteht sich als „Beziehungsdisziplin“, die mitmenschliches Auftreten als Vorgehensweise nutzt. Beziehungsqualitäten können das Vertrauen zum Gegenüber, Zutrauen in seine Fähigkeiten, Geduld, Hoffnung sowie Heiterkeit, Humor und Güte darstellen. Das Gegenteil dazu wäre, wenn z.B. der Einsatz der Beziehung als Mittel zur Zielerreichung, oder wenn sie an Bedingungen geknüpft wird. Schulleiter Michael Kreisel resümierte: Die Beziehungsebene ist oftmals bedeutend für den Lernerfolg, d.h. es sind die Beziehungskompetenzen des Professionellen und die Beziehungsdidaktik des Pädagogen, die ein mehr an Teilhabe für Menschen ermöglichen können.

Orte der Begegnung zu vielen Themen

Innerhalb von vielen „Orten der Begegnung“ beschäftigten sich die Teilnehmer danach mit dem Thema. Es ging um die Wirkung von entwicklungsfreundlicher Beziehung an sich. Des Weiteren wurden die Förderung von korrigierenden Beziehungserfahrungen, die Beachtung kultursensibler Beziehungsgestaltungen und die Unterstützung bei erlebten Beziehungsabbrüchen dargestellt. Die Teilnehmer erfuhren, wie das Thema Sicherheit vor sexuellen Übergriffen in pädagogischen Beziehungen gelingen oder wie das Bilderbuch als Möglichkeit der Beziehungsstiftung bei Kindern genutzt werden kann. Sie konnte sich in kreativen Angeboten und der persönlichen Zukunftsplanung ausprobieren. Weitere Angebote thematisieren professionellen Beziehungen im Team und die Auswirkungen von Fachkräftemangel auf das Beziehungs-geschehen. Dann gab es noch ein Begegnungscafe: Denn auch Professionelle müssen sich durch zwischenmenschliche Beziehungen stärken.

Themen und Referenten der Orte der Begegnung innerhalb des Fachtages:

Entwicklungsfreundliche Beziehung nach Senckel: Die Qualität der Beziehung als zentraler Wirkfaktor entwicklungsförderlicher Prozesse (Gertraud Heigl, Dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerin und Multiplikatorin für EfB ®)

(Be-) reiche (rnde) Vielfalt – Kultursensible Beziehungsgestaltung in der Kita (Claudia Motz, Heilpädagogin)

Die eigene Haltung als Ausgang der Personzentrieren Arbeitsweise (Prof. Dr. Petr Ondraczek, emeritierter Professor für Heilpädagogik der evangelischen Hochschule Bochum)

Persönliche Zukunftsplanung als Beziehungsgeschehen (Nicole Fichtmair, Heilpädagogin)

Heilpädagogische Begleitung als Anlass für korrigierende Beziehungserfahrung (Dayana Kort, Heilpädagogin)

Heilpädagogische Unterstützung für Kinder mit erlebten Beziehungsabbrüchen (Siiri Odoj, Heilpädagogin)

Mich in Beziehung zum Gegenüber erfahren – Ausdrucksspiel in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen (Sigrid Zverina, Psychologin und Irene Lederer-Lermer, Sozialpädagogin)

Babylesen- wahrnehmendes Beobachten als Grundlage früher Beziehungsgestaltung (Bianca Steinbauer, Heilpädagogin)

Singen als Begegnungs- und Beziehungsgeschehen (Anna Nam, Dipl. Musikerin)

Das Bilderbuch als Beziehungsstifter (Stephanie Jofer-Ernstberger, Heilpädagogin BA)

Fachkräftemangel und die Auswirkungen auf die Beziehungsebenen pädagogisch-pflegerischer (Siglinde Vonier, Sozialpädagogin)

Professionelle Beziehungen im Team gestalten (Gabriele Randak, Supervisorin und Gruppenanalytikerin)

Sicherheit vor sexuellen Übergriffen in pädagogischen Beziehungen (Carmen Osten, Psychologin)

Fachtag 2015: Leib und Bewegung

Fundament für Ich- Entwicklung

Es ging diesmal um Wege, wie Leib und Bewegung die Identität des Menschen beeinflussen können. In Workshops zu den Themen Yoga, Tanz, Bewegungserziehung, Körper- und Beziehungserleben, Rhythmus und Erlebnispädagogik erfuhren die Teilnehmer/innen sich selbst in ihrer Leiblichkeit. Es gab ferner einen Workshop zur leiblichen Kommunikation und zur Bewegungsunterstützten Kommunikation als Anregung zu aktiver Teilhabe.

Basis für die Heilpädagogik ist, dass der Leib die Grundlage für alle menschlichen Lebensprozesse, d.h. auch für die emotionalen und geistig- seelischen darstellt. Mit dem Leib nimmt der Mensch wahr und lässt Gefühle, Gedanken und Verhalten entstehen. Mit dem Leib lernen Menschen. Hier wird Stigmatisierung, Nicht- Können, Krankheit und Exklusion erfahren. Hier ist aber auch der Ort für die Erfahrung von Selbstbestimmung, für das

Spüren von Stärken, Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten.

Der beseelte Körper als Ausgang heilpädagogischen Handelns

Die Zugänge zu Leib und Bewegung sind in der Heilpädagogik vielfältig. Man kann sich dem Leib auf der Ebene der eigenen Leiberfahrung, der Bewegungslehre, der Psychologie/ Psychotherapie, der Soziologie oder der Medizin nähern. Der Fachtag zeigte: Aus heilpädagogischer Sicht müssen Professionelle über ein vertieftes Verständnis zum Leib verfügen, damit sie Menschen im Umgang mit Behinderungs- zuständen gut unterstützen können. Mit dem Leib stellen sich Fragen von Sinn- findung, Existenz und Endlichkeit. Mit dem Leib wird auch die Lebensgeschichte eines jeden Menschen deutlich. Erlebnisse stecken uns „in Fleisch und Blut“. Das Gedächtnis des Körpers birgt die eigene Geschichte. Über den Körper erinnern wir uns. Man kann sagen, dass der „beseelte Körper“ wichtiger Ausgang heilpädagogischen Handelns ist.

Der „behinderte Körper“ ist auch „gesellschaftlich hergestellt“

Der Fachtag begann mit einem Einführungsreferat. Prof. Dr. Markus Dederich (Universität zu Köln) fragte, ob Menschen in erster Linie gleich oder verschieden seien. Viel zu oft würde Verschiedenheit als Möglichkeit genutzt, Menschen negative Merkmale zuzuschreiben. Dies geschehe vor allen anhand körperlicher Merkmale: Der „behinderte Körper“ wird dann zu einem negativen Stigma. Die ‚Soziologie des Körpers‘ beschäftigt sich damit, wie gesellschaftliche Werte, Strukturen und Technologien den menschlichen Körper prägen. Prof. Dr. Markus Dederich trat dafür ein, dass die Heilpädagogik von der Körpersoziologie lernen solle, dass Menschen nicht nur „naturwüchsig“ verschieden seien. Der physische Körper eines Menschen wird im Laufe seines Lebens sozial und kulturell geprägt. Dies sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen bzw. kulturellen Ebene. Verschiedenheit ergäbe sich auch durch die Gesellschaft und ihre Sichtweisen zum Körper. Eindrücklich zeigte er anhand von Bildern zu Behinderung im Wandel der Zeit, wie das Bild eines „behinderten Körpers“ quasi „gesellschaftlich hergestellt“ wird. Abweichende biologische Merkmale wurden mit gezielten negativen Bewertungen gleichgesetzt. Anhand des Bildes vom behinderten Körper lasse sich herausarbeiten, was in einer Gesellschaft wichtig sei, was zähle, welche Werte vorherrschen und wovor sich Menschen fürchten.

Die Ich- Entwicklung eines Kindes und eigenkörperlichen Erfahrungen

In einem zweiten Vortrag ging Prof. Dr. Rolf Schwarz (Pädagogische Hochschule Karlsruhe) nach der Mittagspause auf die kindliche Bewegungsentwicklung ein. Bewegung schaffe Zugang zur Welt. Kinder müssten sich ihre Erfahrungen von sich und der Umwelt regelrecht „einverleiben“. So hänge die Ich- Entwicklung eines Kindes grundlegend mit eigenkörperlichen Erfahrungen zusammen. Jeder Vater und vor allem jede Mutter kennt die „Erkundungstouren“ ihrer Kinder, die im Krabbelalter z. B. für fast jeden Haushaltsgegenstand „besondere Vorlieben“ entwickeln, durch Schmecken, Fühlen, Beißen, Werfen etc. die Welt be-greifen müssen. Bewegungserfahrungen sind wichtig für das Selbstvertrauen, für die kindliche Identität. Der Körper sei eines der ersten und wichtigsten Experimentiergebiete für die Ich- Identität. Prof. Dr. Schwarz stellt diese Entwicklungsschritte sehr anschaulich dar. Auch die Zuhörenden wurden durch Experimente eingebunden.

Mein Leib ist gelebte Zeit

Die Vorträge wurden von den Teilnehmer/innen als sehr inspirierend wahrgenommen. Bereichernd empfanden die Anwesenden auch die vielen praktischen Angebote und den umfangreichen Büchertisch. Der Fachtag lenkte die Aufmerksamkeit auf ein Thema, was manchmal im Alltag untergeht und viel zu wenig „mitgedacht“ wird: Wir kennen es von uns selbst: Obwohl der Leib wesentlicher Teil unserer Identität ist, vergessen wir ihn allzu oft. Unserer Körperlichkeit erinnern wir uns oftmals erst dann, wenn Bereiche schmerzen oder nicht so funktionieren, wie wir es wollen. Vor allem Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen haben oftmals keinen positiven Zugang zum eigenen Körper. Ihre Körpererfahrungen können durch Sensibilitätsausfälle, Funktionsstörungen, Schmerzen, Krankheit beeinträchtigt sein. Auch veränderte motorische Erfahrungen können das eigene Körperbild negativ beeinflussen. Menschen mit Beeinträchtigungen können ihren Leib als Ressource, aber auch als „unerwünschte Normabweichung“ erleben. In der Heilpädagogik ist es wichtig, Unterstützung anzubieten und Abweichungen nicht als „Defekt“ zu

interpretieren. Den oftmals negativen Körpererfahrungen von Menschen mit Behinderung müssen bewusste positive Leiberfahrungen gegenübergestellt werden. Für die Stärkung der Identität gilt es Menschen zu unterstützen ihre leibliche Existenz als wertvoll und gewollt zu erleben. Hierfür sollten unterschiedliche Wege eigenleibliches Spüren angeboten werden, damit sich Einstellungen und Umgangsweisen zum eigenen Körper positiv auf die Identität auswirken.

Vorträge:
Körper, Kultur und Behinderung – Ein Problemaufriss
(Prof. Dr. Markus Dederich, Universität zu Köln)

„Bewegungsentwicklung als Persönlicheitsentwicklung – Wie Kinder über Bewegung das Ich und die Welt konstruieren“ (Prof. Dr. Rolf Schwarz, Pädagogische Hochschule Karlsruhe)

Themen der Workshops:
Das Fundament finden mit Yoga
(Gabriele Haller-Ospach, Heilpädagogin, Yogalehrerin)

Leben (er)spüren – Leiblichkeit als alltäglicher Zugang in der Arbeit mit Menschen mit Komplexer Behinderung.(Elisabeth Dausch, Heilpädagogin)

BEI DIR IST GUT ANLEHNEN“ – Nähe und Kräftemessen in der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung zu Kindern (Steffi Jofer-Ernstberger, Heilpädagogin BA, Spieltherapeutin)

Bewegungsunterstützte Kommunikation als Anregung zu aktiver Teilhabe (Nicole Fichtmair, Heilpädagogin)

Erlebnispädagogik als Möglichkeit der Leiberfahrung (Michael Saller, Heilpädagoge, Erlebnispädagoge)

Die Weisheit des Körpers befragen (Uta Klawitter, Krankengymnastin und Feldenkrais Pädagogin)

Kommunikation und Kontakt im Tanz – Kreativer Tanz und Contact Improvisation (Urte Gudian, Pädagogin für Tanz, Stimme und Bewegung)

Lass Deine Hände tanzen- Spür den Rhythmus und die Schwingung der Trommel (Christine Reichl, Heilpädagogin, Tanzpädagogin und Trommlerin)

Vom inneren und äußeren Gleichgewicht – die Bewegungsarbeit Elfriede Hengstenbergs (Karsten Czimmek, Erzieher, Pikler Dozent)

Fachtag 2014: Inklusion

als Herausforderung für die frühe Bildung

Gute Bildung, Erziehung und Betreuung orientiert sich heute an dem Leitbild Inklusion. Dabei geht es um mehr, als dass Kinder mit Behinderung integriert oder „einfach nur mit dabei sind“. Kindertageseinrichtungen haben einen umfassenden Bildungsauftrag hier alle Ebenen und Beteiligte einzubeziehen. Man spricht von inklusiver Pädagogik, der Aufhebung von institutioneller Separation und möchte Ideale des gemeinsamen Lebens und Lernens umsetzen. Nur – wie ist dies konkret umsetzbar?

Prof. Dr. Heimlich begann den Fachtag mit einem Referat. Neben einem weiteren Input im Plenum gaben Fachleute innerhalb von Denkräumen jeweils einen Impuls zum Thema. Denkräume sind Orte des gegenseitigen Austausches des Innehaltens und Reflektierens. Durch die gemeinsame Beschäftigung zu Bildern einer inklusiven frühen Bildung wollten wir mit Ihnen den Blick über den Tellerrand des Alltagsgeschäfts richten und gegenseitigen Austausch und neue Anregungen ermöglichen. Nach der Mittagspause gab Dr. Wertfein einen weiteren Einblick in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion zum Thema.

Das Leitbild Inklusion

Mit dem Begriff Inklusion wird in der frühen Bildung heute ein Paradigmenwechsel verbunden. Die Leitidee Inklusion meint die Verwirklichung des menschenrechtlichen Anspruchs auf gleiche Chancen der Teilhabe am Leben der Gesellschaft. Alle Menschen sollen u. a. die gleichen Möglich- keiten haben, an hochwertiger Bildung teilzuhaben, unabhängig von ihren Lernbedürfnissen, ihrem Geschlecht und ihren sozioökonomischen Voraussetzungen. Inklusion meint „Einschluss“ bzw. „Enthalten sein in einer Menge“. Das Begriffsverständnis von Inklusion erklärt sich am ehesten daraus, wenn man sich erinnert, dass in der sozialpolitischen Diskussion der 70er Jahre zunächst der Terminus „Exklusion“ im Focus stand. Man benutzte den Begriff Inklusion als Gegenstück zu soziologischen Tendenzen der Exklusion, d.h. zu Tendenzen des Ausschlusses und der Marginalisierung benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen.

In der Folge öffneten sich Regelkindergärten für Kinder mit Behinderung. Es wurden Formen integrativer Pädagogik entwickelt. Dem einzelnen Kind mit Förderbedarf sollte Förderung und Unterstützung gegeben werden. Im Grunde passte sich weniger das System (die Kindertagesstätte) an das Kind an, vielmehr erhielt das Kind Unterstützung zur „Anpassung in das System“.

Der mit dem Begriff Inklusion verbundene Perspektivwechsel meint demgegenüber, dass sich das System den besonderen Bedürfnissen von Kindern anpasst. Eine inklusive Kindertagesstätte wäre also von vornherein so gestaltet, dass kein Kind „ausgeschlossen“ wird. Erste Impulse für das Leitbild Inklusion entstanden durch die UN-Kinderechtskonvention. Das In- krafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention verstärkte dann in Deutschland die öffentliche und fachliche Diskussion zum Leitbild Inklusion enorm. Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtete man sich ein inklusives Bildungssystem aufzubauen. Es wird eine menschenrechtlich fundierte gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe aller Kinder an Bildung gefordert, unabhängig von individuellen Unterschieden.

Heterogenität als Ausgang von Inklusion

Voraussetzung für die Umsetzung von Inklusion sind Bedingungen der Chancengleichheit in den Bildungseinrichtungen. Pädagogisches Handeln muss immer auf unterschiedliche Lebenslagen, Lebensstile und Lernausgangslagen von Kindern eingehen. In der Frühpädagogik wird momentan ein Inklusionsdiskurs geführt, innerhalb dessen die Themen Diversität (Kinder durchlaufen unterschiedliche Entwicklungsschritte) und Diskriminierung (Familienkulturen, sozioökonomische Lebenslagen und Geschlecht werden für Benachteiligung und Herabwürdigung genützt) große Beachtung erhalten. Die Vorstellungen von früher Bildung beginnen sich zu wandeln. Differenzen und Verschieden- heiten werden nicht mehr vorrangig als negativ bewertet, sondern man erkennt, dass sie für alle Beteiligten befruchtende Ergänzung sein können. Mädchen und Jungen mit verschiedensten Be- gabungen oder Behinderungen, unterschiedlichen Religionen, Geschlechtern, sozialer Herkunft und sozialökonomischen Hintergründen können gemeinsam so erzogen werden, dass jedes Kind seine individuellen Stärken entfaltet. Eine inklusive Pädagogik wendet sich daher an alle Kinder und versteht sich als eine „Pädagogik der Vielfalt“.

Broschüre zum Fachtag Inklusion als Herausforderung für die frühe Bildung

Themen der Denkräume:

Wie kann Inklusion im Hortbereich gestaltet werden? Katharina Reithmeier, Heilpädagogin
Integratives Haus für Kinder, Halfing

Wie kann Gemeinsames Spielen und Kommunikation unter Gleichaltrigen als Ressource genutzt werden? Gerhard Aimer-Kollroß, Heilpädagoge

Welche Schritte muss die Kindertagesstätte hin zu einer inklusiven Tagesstätte gehen? Die Arbeit mit dem Index of Inclusion. (Franziska Rützel-Richthammer, Soz. Pädagogin, Fachberatung inklusive Pädagogik Stadt München)

Wie schaffen wir inklusive Kulturen? Welche Haltung und Kultur benötigt der inklusive Kindergarten? (Martina Knoll-Schenk, Heilpädagogin, Kiga Leiterin Haus für Kinder Marklkofen und Steinberg)

Wie kann es einem Team gelingen gemeinsam neue pädagogische Settings zu erarbeiten? (Gabriele Randak, Supervisorin)

Was spricht für die Aufnahme von Kindern mit komplexen Behinderungen in der inklusiven Kindertagesstätte, was spricht dagegen? (Angelika Bachhuber, Erzieherin, Kiga Leiterin Franziskuswerk Schönbrunn)


Wie kann die Zusammenarbeit mit Eltern gelingen? (Karin Hammann, Heilpädagogin)

Wie ist die Rolle von Beobachtung und Diagnostik im inklusiven Kindergarten zu gestalten? (Tanja Endres, Heilpädagogin)

Wie kann der Umgang mit Diversität in der interkulturellen Pädagogik gelingen? (Patricia Olbert, Erzieherin, Fachberatung interkulturelle Pädagogik Stadt München)

Welche Beziehungskompetenz ist bei Professionellen nötig, damit inklusives Handeln machbar ist? (Stephanie Jofer-Ernstberger, Heilpädagogin (BA, MA Erwachsenenbildung)

Wie und welche inklusiven Gruppenangebote erweitern den Regelalltag im Hinblick auf Inklusion? (Beatrix Gruber, Heilpädagogin, Fachdienst für Heilpädagogik, Franziskuswerk Schönbrunn)

Welche Barrieren für Inklusion erleben wir? (Manuela Fröhlich, Heilpädagogin)

Fachtag 2013: Eine ganze Menge Leben

Kreativität und Achtsamkeit als heilpädagogische Ressource für Entwicklung und Veränderung

So lautete das Thema der Fachtagung. Es ging um die Bedeutung von Kreativität für die Entwicklung von Menschen, um den achtsamen Einsatz von kreativen Methoden in der Heilpädagogik, um heilpädagogisch- kreative Vorgehensweisen und um die Förderung einer kreativen Persönlichkeit. Nach Vorträgen konnte in Workshops das Thema erlebt werden, Ausstellungen und Büchertische gaben zusätzlich Möglichkeiten der Inspiration.

Kretivität ist die Fähigkeit von Menschen, Neues hervorzubringen. Kreativität kann Menschen dabei unterstützen Türen zur Weiterentwicklung zu entdecken. Kreativität ist auch eine Denkensweise. In der heilpädagogischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen begegnen wir häufig dem Phänomen des Stillstandes sowie dem Wunsch nach Veränderung. Kreative Lösungen im Umgang mit Herausforderungen sind gefragt. Oftmals hilft es, sich gemeinsam mit Menschen auf eine spiele- rische Entdeckungsreise zu begeben.
Achtsames, verstehendes und kreatives Vorgehen bei wertschätzender Beachtung gehört seit jeher zum Kern des heilpädagogischen Arbeitens und wirkt als Motor für Veränderung und Entwicklung. Aus heilpädagogischer Sicht braucht es die Grundhaltung der Achtsamkeit und des Annehmens, damit kreative, schöpferische Prozesse sich ent- falten können. Es ist eine Kunst, innerhalb einer heilpädagogischen Begleitung Menschen so zu unterstützen, dass diese Formen finden, ihren inneren Impulsen und momentanen Lebensthemen einen kreativen Ausdruck zu geben.

Interessierte, Ehemalige und Studierende der Fachakademie waren eingeladen, in das Thema einzutauchen, Neues zu erfahren und sich gegenseitig auszutauschen. Es wurde viel ausprobiert, erlebt und gesprochen. Wie können wir Kreativität für uns selbst und für Menschen, die sich in besonderen Lebenslagen befinden, nutzen? Die Tagung wollte zeigen, dass Grundhaltungen der Achtsamkeit und des Annehmens Voraussetzung sind, damit Kreativität zu einem Motor für Veränderung und für Entwicklung werden kann. Kreativität kann Menschen helfen, mit Einschränkungen und schwierigen Lebenssituationen umzugehen.

Kreativität als Fähigkeit, Neues hervorzubringen
Es ist zunächst nicht einfach, Kreativität mit wenigen Worten zu beschreiben. Allgemein spricht man bei dem Begriff Kreativität, von einer Fähigkeit, Neues hervorzubringen. Kreativität

ist also demnach schöpferische Produktivität im Handeln und Denken. Man kann wohl sagen, dass Menschen mit Kreativität intensiver leben und dies als Möglichkeit nutzen, für sich ein erfülltes Leben zu gestalten. Erfahrungen mit kreativen Methoden können auch helfen, dass Heilpäda- gog/innen in der Ausbildung bzw. Professionelle der Behinderten-, Kinder- und Jugendarbeit selbst einen vertieften Zugang zu Kreativität und zur kreativen Begleitung von Menschen mit Behinderung finden.

Kunst und Kreativität als unverzichtbarer Bestandteil jeder Pädagogik
Kreativität und Ästhetik kommen nicht nur in der Kunst vor. Wenn auf dem Fachtag von dem „Bildungsziel Kreativität” gesprochen wurde, dann war nicht so sehr die gelungene Dekoration eines Raumes oder der Gebrauch von Farbe ge- meint. Bei Kreativität als pädagogische Kategorie ging es darum, Menschen so zu unterstützen, dass sie ihre Welt eigenständig erforschen und dass in der Begleitung die Potenziale eines Menschen aufgegriffen werden. Kreativität wurde als ein ganzheitlicher Prozess, bei dem Lernprozes- se eng mit Emotionen verknüpft sind, verstanden.

Denken wir an uns selbst: Erinnern wir uns eher an die Mathestunde in der Kindheit oder waren es die Theater AG, das Rollenspiel, die Zirkusaufführung, das Zaubern oder das Bewegungsspiel, bei denen wir uns als kompetent bzw. über uns hinauswachsend erlebt haben? Was sich im Menschen „verankert”, sind oftmals kreative Erfahrungen mit allen Sinnen, innerhalb dessen sich der Mensch als wertvoll erlebt.

Daher wurde der Fachtag so gestaltet, dass Kreativität vor allem am eigenen Leibe erlebt werden konnte. Die Teilnehmer*innen resümierten, dass es sich sehr gelohnt habe, auch bei schönster Sonne, sich in der Akademie Schönbrunn dem Thema Kreativität zu widmen. Gedankt wurde dem Dozent/innen-Team der Fachakademie für die Gestaltung eines gelungenen Tages. Was bleibt, ist die Aufgabe für die 180 Tagungsteilnehmer, achtsam zu sein für Menschen, die ihren eigenen kreativen Ausdruck nicht sofort finden und ihnen Unterstützung zu geben. Gemeinsam gilt es dazu beitragen, dass kreativi- tätsfördernde Entwicklungs- und Lebensbedin- gungen in der Kinder-, Jugend-, Behinderten- und Altenarbeit kultiviert und weiter entwickelt werden.

Broschüre zum Fachtag Eine ganze Menge Leben – Kreativität und Achtsamkeit als heilpädagogische Ressource für Entwicklung und Veränderung

Workshops:

„Es war einmal…“ – Märchen als Schatzkiste für den kreativen Umgang mit schwierigen Lebenssituationen (Angelika Bartelmus, Psychologin und Gestalttherapeutin)

„Wenn ich zaubern kann, würde ich …“ – Zauberkunst als Methode in der heilpädagogischen Begleitung von Kindern im Schulalter (Heike Burkard, Heilpädagogin, Alexander Schleißinger, Heilpädagoge)

Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung als Maßnahme der Selbstfürsorge im heilpädagogisch-therapeutischen Alltag (Stefanie Gruber, Heilpädagogin und Heilpraktikerin)


Spielend entdecken, was in Dir steckt – Jeux Dramatiques – Theater aus dem Erleben (Monika Hrdina, Heilpädagogin und Jeux-Dramatiques-Leiterin)

Let’s Drum! – Miteinander trommeln – Spaß und Begeisterung teilen – Gemeinschaft erleben – Kreativität entdecken (Ines Kandert, Sozialpädagogin und Orff-Musiktherapeutin)

Kreative und erlebnisaktivierende Familienberatung am Lebensfluss-Modell (Claudia Meier, Heilpädagogin und Systemische Familientherapeutin)


„Ich kann aber nicht malen“ – Kunsttherapeutische Methoden, Übungen und Materialien, die den Einstieg in kreative Prozesse erleichtern (Simone Müller, Heilpädagogin und Kunsttherapeutin)

Entdecke den Clown in Dir! Vom Vertrauen in die eigenen Impulse und vom Freundschaftschließen mit Fehlern und Missgeschicken
(Renate Neckermann, Sonderpädagogin, Theaterpädagogin und Clownin)

Die leisen Kräfte tragen das Leben – Atemarbeit als Entfaltung und Entdeckung eigener Kräfte und Möglichkeiten (Edith Rath, Heilpädagogin und Atempädagogin)

Psychodrama – Förderung der (Rollen-)Spielkompetenz von Kindern als Ressource für Weiterentwicklung (Brigitte Seger, Sozialpädagogin, Ausbildung in Psychodrama mit Kindergruppen)

Kreativität – eine Tür zu meinem Sein. Im künstlerischen Tun den Blick auf mich selbst wagen (Monika Wiemers, Kunst-/ Bewegungstherapeutin)

Theaterspiel zum Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes bei Kindern – Emotionale und soziale Schlüsselqualifikationen entdecken (Dagmar Zeilinger, Heilpädagogin und Grundschullehrerin Bertram der Wanderer, Theaterpädagoge und Schriftsteller)

Fachtag 2012: Kinderseelen in Not

Kindliche Krisen erkennen, verstehen und handeln

Kinderseelen in Not – Kindliche Krisen erkennen, verstehen und handeln. Unter diesem Motto hatte die Fachakademie für Heilpädagogik der Akademie Schönbrunn zu ihrem Fachtag 2012 am 3. März eingeladen. Der Fachtag beschäftigte sich in Vorträgen, Workshops und Diskussionen mit den Auswirkungen kritischer Lebensereignisse auf Kinder und Jugendliche. Vor allem ging es um Möglichkeiten, wie Kinder und Jugendliche durch eine (heil-)pädagogische Begleitung aufgefangen werden können.

Heilpädagog*innen haben es in ihrem Arbeitsfeld häufig mit Kindern zu tun, die sich in Krisen befinden. Meist ist jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit Lebensereignissen konfrontiert, kritische Lebensereignisse fordern das Kind jedoch besonders heraus. Für Kinder können kritische Lebensereignisse, wie der plötzliche Tod eines Elternteils oder auch die Unterbringung in einer Pflegefamilie sehr bedrohlich sein. Kinder sind in solchen Fällen mit Leiderfahrungen konfrontiert, die sie belasten, manchmal überwältigen und zu „Kindersorgen“ werden.

Kinder bekommen dann Bauch- oder Kopfschmer- zen, können nicht einschlafen oder wachen nachts durch Alpträume auf. Es kann sein, dass sie ihre Umwelt mit Wutausbrüchen nerven, hastig sprechen oder die Sprache ganz verweigern und sich von anderen isolieren. Manchmal flüchten sie sich in Scheinwelten. Den Lehrern fallen die schlechten Leistungen in der Schule oder das Fehlen von Hausaufgaben auf.

Die Folgen von kritischen Lebensereignissen können lange anhalten. Kritische Lebensereignisse sind jedoch nicht ausschließlich bedrohlich. So stellen Übertrittssituation (in den Kindergarten oder in die Schule) zwar tendenziell eine „wackelige Situation“ für die Beteiligten dar, gleichzeitig gehören sie zum Leben dazu.

Für viele Kinder gibt es eine vorwiegend beschützte, glückliche, unbeschwerte und wohlbehütete Kindheit nicht

Kritische Lebensereignisse, die akut oder schlei-chend in ihren Alltag einbrechen, irritieren, er- zeugen Belastungen und erfordern Bewältigungsstrategien. Manche Kinder „funktionieren“ in der Zeit der Krise „einfach nur“ und versuchen, ihre Umwelt so wenig wie möglich zu belasten. Andere reagieren auf die Stresssituationen mit körperlichen Symptomen, durch auffällige Verhaltensweisen zu Hause oder in der Schule. Eltern und auch Professionelle realisieren die Auswirkungen der Lebensereignisse auf die Kinderseele und die Intensität dieser Leiderfahrung oftmals zu wenig.

Kinder drücken ihre Not auf Umwegen aus. Sie leiden in ihrer eigenen Art, die für die Erwachsenen- welt nicht immer begreifbar ist. Sie drücken ihre Sorgen verdeckter, unmittelbarer, spontaner, leidenschaftlicher aus und benutzen kaum sachliche Argumente oder sprachlich ausgedrückte Hilferufe.

Kinder benötigen „freie” Zeiten des Spiels

Innerhalb des Fachtages zeigte der Psychologe und Psychotherapeut Curd Michael Hockel anhand eines Falles eindrücklich auf, wie wichtig Spielzeiten, Raum für Spiel und eine pädagogisch- therapeutische Begleitung zum richtigen Zeitpunkt sind.Kinder sind kritischen Lebensereignissen nicht nur passiv ausgeliefert. Sie brauchen jedoch die (heil-) pädagogische Unterstützung von Erwachsenen, damit ihr seelisches Gleichgewicht wieder her- gestellt wird, damit sie sich auf die Situation einstellen können.

Kinder benötigen sichere Orte und sichere Beziehungen, die ihnen helfen, die Situation zu verstehen
Familien finden im Umgang mit kritischen Lebensereignissen für sie sinnvolle Bewältigungsstrategien, z. B. halten die Familienmitglieder in der belasteten Situation verstärkt zusammen. Aber auch hier sind vor allem Kinder gefordert. Sie übernehmen Verantwortung, verzichten, füllen Lücken und schützen ihre Familie. Damit Kinder nicht überfordert sind, ist es nötig, dass Eltern und Fachkräfte zusammenarbeiten und „Hilfen zum Verstehen“ sowie „Beziehungsräu- me“ geschafft werden.

Kinder, die Sorgen oder Ängste haben, benötigen Sicherheit und das Gefühl, selbst Einfluss bzw. Kontrolle zu haben. Sie brauchen Unterstützung, damit sie die Ereignisse um sich herum – aber auch ihre innerseelischen Vorgänge – verstehen und begreifen können. Vor allem benötigen sie Momente, in denen sie „Kind-Sein” dürfen und in denen die Last der Erwachsenenwelt beiseite gelegt wird.

Broschüre zum Fachtag Kinderseelen in Not – Kindliche Krisen erkennen, verstehen und handeln

Fachtag 2011: Und trotzdem…! Mutig anders sein.

Heilpädagogische Ausblicke für eine menschenwürdige Gesellschaft in der Kinder und Jugendliche aufwachsen

Der Fachtag beschäftigt sich mit der Frage, welche institutionellen Kulturen und welche Kulturen des Miteinanders heute benötigt werden, sodass für Kinder und Jugendliche weniger Ausgrenzung und ein Mehr an Teilhabe stattfinden. Die Bedingungen des Aufwachsens haben sich deutlich verändert. Soziale Risiken sind weiterhin vorhanden, nehmen in manchen Bereichen sogar zu. Manchmal verstärken pädagogische Institutionen sogar Ausgrenzung.

Dies alles stellt ein inklusives Menschenbild in Frage. Im Alltag erleben Kinder und Jugendliche oftmals Beschämung und Entwürdigung. Die Folgen können sein: Kinder zeigen sich als ‚zu unruhig, zu schwierig und zu faul’. Erwachsene sind besorgt, „mit den Kindern stimmt etwas nicht“. Welche Antworten kann die Heilpädagogik bieten?

Vortrag Prof. Dr. Heinrich Greving

Vortrag Dr. Stephan Marks

Fachtag 2009: Werden, der ich bin

und leben so wie ich es möchte

Den Fachtag führte die Fachakademie für Heilpädagogik in Kooperation mit der Fachschule für Heilerziehungspflege durch. Mit einbezogen waren Mitarbeiterinnnen des Franziskuswerks Schönbrunn, die in Referaten und vor allem in Workshops ihre Kompetenzen und Erfahrungen einbrachten. Heilpädagogische Erwachsenenbildung wird in der Fachakademie für Heilpädagogik als vertiefte Methode unterrichtet. Fachlich aufgebaut hat dies die ehemalige Schulleiterin der Fachakademie Lilo Nitz. Sie hat in ihrem Beitrag Inhalte und Themen dieses Unterrichtsfaches beschrieben.

Bildung ist einer der zentralen Begriffe der Pädagogik. Seit Jahren ziehen sich Diskussionen zum Begriff Bildung durch die Fachöffentlichkeit. Einmal wird mit dem Begriff der Prozess, einmal das Resultat, einmal Selbstbildung und einmal werden damit die Institutionen beschrieben. In der Heilpädagogik haben wir zusätzlich den Begriff der Förderung. Wie wäre dies zu unterscheiden? Welche Bildung brauche ich, um in dieser Welt leben zu können, um mir die Welt aneignen zu können, um teilhaben zu können? Welche Bildung brauche ich als Mensch mit Beeinträchti- gungen?

Wir können sagen, dass wir momentan in der Behindertenhilfe in einer Umbruchsituation stehen. Einerseits wird das Soziale vermehrt von einer ökonomischen Mentalität bestimmt, andererseits verändern die Leitideen Selbstbestimmung, Empowerment, Inklusion und Teilhabe die Praxis. Ein Titel eines gerade erschienen Buches der Lebenshilfe lautet daher: „Zwischen Tradition und Innovation“. Wir erwarten Umbrüche in der Erwartung an das Profil sozialer und pflegerischer Berufe. Es droht in vielen Arbeitsfeldern ein Fachkräftemangel. Wir sehen in den heutigen Zeiten Chancen und Risiken. Wie passt das Thema „Erwachsenenbildung“ hinein in diese Zeit? Das Fachgebiet Heilpädago- gik und die Berufsgruppen der Heilerziehungs- pfleger/in und Heilpädagogen/in müssen sich dieser Umbruchssituation stellen.

Werden, der ich bin und leben, so wie ich es möchte

Diese Selbstverständlichkeit ist für Menschen mit Beeinträchtigung in der deutschen Gesellschaft immer noch mit Hürden belegt. Genauso wie jeder Erwachsene, benötigen Menschen mit mentalen oder psychischen Beeinträchtigungen Bildungsangebote für ihre Subjektwerdung. Heilpädagog*innen und Heilerziehungspfleger*innen können mit Bildungsangeboten helfen, Menschen in ihrer Selbstbestimmung und ihrem Bestreben nach Teilhabe zu unterstützen. Die Tätigkeitsmerkmale beider Berufsbilder sind bestimmt vom Fundament der Beziehung und vom Geschehen der Begegnung. Die beruflichen Schulen der Akademie legen diesem Geschehen, das sich immer zwischen Menschen ereignet, ein auf der Vorstellung des Christlich geprägten Menschenbildes zu Grunde. „Menschenbild“, „Bild vom Menschen“ – „Bildung“, „bilden“. Wenn wir von Erwachsenenbildung, wenn wir von Bildung insgesamt sprechen, werden wir uns natürlich auch die Frage stellen müssen: Und an welchem Bild orientieren wir uns denn eigentlich?

Unter dem Dach des Heilpädagogischen sind Aufgaben, Rollen und Funktionen von Heilpädagogen’*innen und Heilerziehungspfleger*innen verwandt und doch auch unterschiedlich. Unter- schiede in der beruflichen Tätigkeit beider Berufsgruppen sind vor allem in den jeweiligen Aufgabenstellungen begründet.

Während Heilpädagogen*innen innerhalb von „deklarierten Orten der Förderung, Therapie und Bildung“ tätig sind, bezieht sich das Berufsbild des Heilerziehungspflegers eher auf die „Orte des Alltäglichen“. Durch die unterschiedlichen Settings ergeben sich auch unterschiedliche Vorgehensweisen.

Heilerziehungspfleger*innen begleiten, beraten, assistieren und pflegen Menschen mit Behinderungen aller Altersstufen. Diese Tätigkeiten und mit ihnen auch die Bildungsangebote sind vorrangig auf den Alltag bezogen. Die Bildungsangebote entwickeln sich im Lebensumfeld dieser Menschen und wirken in dieses unmittelbare Lebensumfeld hinein. Sie dienen dem, was letztlich mit „Gestaltung des eigenen Lebens“ und „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ umschrieben werden könnte.

Heilpädagog*innen handeln vorrangig, jedoch nicht ausschließlich, bezogen auf den Ablauf von Hilfeleistungen und bezogen auf heilpädagogische Angebote. Heilpädagogisch gestaltete Erwachsenenbildung ist dann ein spezielles Angebot, eine bestimmte Art und Weise der Herangehensweise mit dem Richtziel der Inklusion. In der personalen Begegnung wird sie oftmals eher zeitlich begrenzt angeboten. Die vertiefte Gestaltung sozialer Beziehungen wird durch organisierende und steuernde Unterstützungsmaßnahmen ergänzt.

Broschüre zum Fachtag Werden, der ich bin und leben, so wie ich es möchte